Archäologen entdecken eine seit 40.000 Jahren verschlossene Höhle und stoßen auf die letzten Neandertaler der Erde

Die Entdeckung prähistorischer Höhlen in Gibraltar liefert tiefe Einblicke in die Besiedlung und das Leben der Neandertaler sowie in die ökologischen und klimatischen Verhältnisse jener Zeit. Besonders im Gorham’s Cave‑Komplex an der Mittelmeerküste Gibraltars konzentriert sich archäologisches und historisches Interesse.
Die Fundstellen vor Ort: was sie aussagen
Der Gorham’s Cave‑Komplex besteht aus vier Haupthöhlen: der Gorham’s Cave, Vanguard Cave, Hyaena Cave und Bennett’s Cave. Diese Orte sitzen an steilen Kalksteinklippen und wurden 2016 von der UNESCO als Welterbestätte anerkannt. Seit der erstmaligen Identifikation der Höhlen 1907 und den formalen Ausgrabungen, die in den 1980er Jahren begannen, liefern sie wertvolle Einsichten. Besonders auffällig ist die im Jahr 2021 entdeckte Kammer in der Vanguard Cave, die seit mindestens 40.000 Jahren ungestört geblieben ist. Diese Kammer war vollständig von Sedimenten versiegelt, was eine außergewöhnliche Erhaltung der dort liegenden Materialien erlaubt.
Das Gibraltar National Museum spielt eine zentrale Rolle beim Erhalt und Management dieser Stätten. Zusammen mit einem fünfjährigen archäologischen Aktionsplan versucht es, weitere Forschungen mit dem Schutz noch nicht ausgegrabener Ablagerungen in Einklang zu bringen.
Was die versiegelte Kammer offenbart
In der 2021 entdeckten Kammer der Vanguard Cave fanden sich unveränderte Objekte, darunter Knochen von Luchs, Hyäne und Geier sowie eine große Wellhornschnecke. Der Muschelfund legt nahe, dass sie damals weit vom Meer entfernt transportiert wurde, was auf bewusste Aktivitäten von Menschen oder ihren Vorfahren hindeutet.
Die Kammer liefert einen „eingefrorenen Moment in der Zeit“ aus den letzten Kapiteln der Neandertaler‑Existenz und erlaubt es, mit modernen Methoden Erkenntnisse zu gewinnen, die bei früheren Ausgrabungen nicht möglich waren.
Zeitliche Einordnung und Datierung
Die menschliche Nutzung dieser Stätten reicht über mehr als 100.000 Jahre zurück. Auffällig ist die Stratigraphie der Gorham’s Cave: 22 AMS 14C‑Datierungen aus dem „Level IV“ der Höhle ergaben, dass die Neandertaler dort noch bis vor etwa 24.000 Jahren lebten, während die ersten Belege für moderne Menschen um 18.500 Jahre vor heute auftauchen. Zwischen den beiden Besiedlungsebenen liegt eine stratigraphische Lücke von über 4.000 Jahren.
Tief in das Gestein eingeritzte Gravuren in Gorham’s Cave, die auf über 39.000 Jahre datiert wurden, werden den Neandertalern zugeschrieben. Diese Ritzungen gelten als Ausdruck einer Symbolik, die Hinweise auf die kognitive Entwicklung dieser Hominiden erlaubt.
(Hinweis: AMS = Beschleuniger‑Massenspektrometrie.)
Streitfragen und mögliche Erklärungen
Die Hypothese, dass einige Neandertaler‑Populationen in Süd‑Iberien Tausende Jahre länger überlebten als anderswo, stützt sich auf Radiokarbondaten und gehört zu den umstrittensten Fragen der Paläoanthropologie. Klimatische Veränderungen, etwa das Heinrich‑Ereignis 2, das sich zwischen 25.500 und 22.500 cal BP ereignete, könnten zu ihrem Verschwinden beigetragen haben (cal BP = kalibrierte Jahre vor heute). Die örtlichen ökologischen Bedingungen — eine Mischung aus Wald, offenem Gelände und einer zugänglichen Küste — könnten dem Überleben dieser Population förderlich gewesen sein.
Blick nach vorn
Die laufende Erforschung der prähistorischen Stätten Gibraltars verspricht weiterhin interessante Erkenntnisse. Die strikte Zugangskontrolle durch das Gibraltar National Museum schützt diese wertvollen Kulturstätten. Obwohl manche Fragen offen bleiben, bieten die vorhandenen Daten und der „pristine Context“ der versiegelten Kammern eine unverzichtbare Grundlage, um das Verständnis unserer frühen Vorfahren zu vertiefen.
Die Tiefe der menschlichen Geschichte und die Geschichten, die aus Gestein und Knochen sprechen, motivieren dazu, weiterzuforschen und die Vielfalt unseres kulturellen Erbes wertzuschätzen.