Selbstständig sein: Was es bringt — und was es kostet
Fehlende Anerkennung führt oft dazu, dass Menschen außergewöhnlich selbstständig werden — das hat Vor- und Nachteile. Wer selten gelobt wurde, entwickelt oft eine große Widerstandskraft und eine starke intrinsische Motivation (vgl. die Self-Determination Theory von Edward Deci und Richard Ryan). Gleichzeitig empfinden viele diese Form von Selbstständigkeit als Einschränkung: Sie können fremde Meinungen emotional kaum aufnehmen.
William Swann von der University of Texas at Austin zeigt mit seiner Self-Verification Theory, dass Menschen Rückmeldungen suchen, die zu ihrem bestehenden Selbstbild passen — selbst wenn dieses negativ ist. So bleibt das interne Validierungssystem bestehen, während Lob von außen oft als unzuverlässige Information abgelegt wird.
Was das Gehirn damit zu tun hat
Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass das Gehirn von Menschen, die in der Kindheit wenig Lob erlebt haben, anders auf Komplimente reagiert, was eine Rolle in der emotionalen Regulation spielt. Keise Izuma von der University of Cambridge fand heraus, dass soziales Lob ähnliche Hirnareale aktiviert wie monetäre Belohnungen — namentlich das Striatum (das Belohnungszentrum). Die Stärke dieser Reaktion schwankt jedoch stark, je nachdem, welche Erfahrungen mit sozialem Feedback jemand gemacht hat. Wer kaum konstante positive Verstärkung bekam, zeigt häufig eine abgeschwächte Belohnungsantwort auf Komplimente.
Aus dieser Sicht werden Gehirne sozusagen kalibriert: Lob, das in der Entwicklung selten war, gilt als weniger belohnend.
Wie sich das im Verhalten zeigt
Menschen, die mit wenig Lob großgeworden sind, zeigen oft erkennbare Verhaltensmuster. Sie sind sehr selbstversorgt und zögern oft, um Hilfe zu bitten, weil sie Unterstützung von außen als unzuverlässig einschätzen. In Beziehungen geben sie tendenziell mehr, als sie annehmen, was leicht zu einem Ungleichgewicht führt.
Wichtig zu wissen ist: Lautere oder größere Zustimmung hilft nicht automatisch. Veränderungen im Verhalten und in der Selbstwahrnehmung laufen langsam ab; sie brauchen beständige, spezifische und unaufgeregte Bestärkung über längere Zeiträume.
Ein Mentor des Erzählers, der hohen Respekt genießt, sagte einmal: „Weißt du, du bist wirklich eine der erfinderischsten Personen, mit denen ich je gearbeitet habe.“ Solche konkreten, beobachtbaren Rückmeldungen wirken deutlich besser als vage Lobesätze wie „Du bist großartig.“
Was das für die Zukunft heißt
Wie wir Lob und Bestätigung verarbeiten, beeinflusst unser Privat- und Berufsleben nachhaltig, insbesondere in authentische Beziehungen. Es lohnt sich, die Dynamik der Selbstvalidierung wahrzunehmen und zu begreifen, wie externe Rückmeldungen unser Selbstbild formen — oder manchmal eben auch nicht. In einer lauter werdenden, oft oberflächlichen Welt bleibt die stille Stärke der Selbstständigkeit ein wertvoller, wenn auch zwiespältiger Begleiter. Wer die zugrundeliegenden psychologischen und neurowissenschaftlichen Zusammenhänge kennt, kann besser unterstützen — bei sich selbst und bei anderen.