Wie die Forschung das erklärt
Die von Laura Carstensen entwickelte Socioemotional Selectivity Theory (SST) (auf Deutsch etwa „sozioemotionale Selektivitätstheorie“) besagt, dass sich Motivationen mit dem Alter verschieben. Wer seine verbleibende Lebenszeit als begrenzt sieht, legt mehr Wert auf emotionale und bedeutsame Erfahrungen. Jüngere Menschen, die noch viel Zeit vor sich sehen, setzen eher auf Karriere, Networking und mögliche zukünftige Chancen. Ältere investieren dagegen gezielt Energie in Dinge, die im Hier und Jetzt Bedeutung haben, statt auf potenzielle Vorteile in der Zukunft zu setzen.
Positivitätseffekt und Gefühlssteuerung
Der sogenannte „Positivitätseffekt“ bedeutet, dass ältere Menschen häufiger positive Informationen bevorzugen und negative leichter loslassen. Frühere Erklärungsversuche, die diesen Effekt auf kognitive Einbußen schoben, wurden durch Studien von Carstensen und der Association for Psychological Science (eine Fachgesellschaft für Psychologieforschung) widerlegt. Die Forschung zeigt, dass Ältere aktiv entscheiden, ihre Denkressourcen auf Positives zu richten — also ein bewusstes Management ihrer Gefühle, um Belastendes zu verringern.
Ein praktisches Beispiel: Ein 70-jähriger Onkel bleibt bei Familienstreitigkeiten oft unberührt — das ist kein Desinteresse, sondern die Einsicht, welche Konflikte seine Energie nicht wert sind.
Soziale Kreise aussieben: Weniger ist mehr
Mit dem Alter schrumpfen soziale Netzwerke, was leicht als Isolation missverstanden wird. Carstensen und ihr Team zeigen jedoch, dass das oft eine aktive „Kuration“ ist: enge, bedeutungsvolle Beziehungen werden behalten. Jüngere Menschen neigen eher dazu, spannende Fremde zu treffen, die zukünftige Chancen bringen könnten; Ältere bevorzugen vertraute, sichere Beziehungen.
Diese Auswahl verbessert das emotionale Wohlbefinden im Alter. Viele berichten, dass die 60er und 70er Jahre zu den glücklichsten Lebensphasen gehören, weil unnötige Verpflichtungen und soziale Vergleiche wegfallen und die Energie auf wirklich Bedeutendes gelenkt wird.
Eindruck schinden? Nein — Energie umverteilen
Jüngere investieren viel in Eindrucksmanagement — Aussehen, Social Media, und Sorgen darüber, was andere denken. Ältere reduzieren das bewusst. Was wie Nachlässigkeit wirkt, ist in Wirklichkeit das Aufgeben einer energieintensiven Fassade; dadurch werden kognitive und emotionale Ressourcen frei, die in Beziehungen, kreative Projekte und persönliche Erfahrungen fließen.
Die Forschung von Becca Levy an der Yale University bestätigt das: In einer Studie, veröffentlicht im Journal of Personality and Social Psychology, wurde ein positiveres Selbstbild vom Altern mit einer durchschnittlich 7,5 Jahre längeren Lebensdauer in Verbindung gebracht. Dieser Zusammenhang blieb bestehen, selbst wenn demografische und gesundheitliche Faktoren berücksichtigt wurden.
Das heißt also: Wie man das Altern deutet, beeinflusst Gesundheit und Wohlbefinden. Gerade jüngere Generationen könnten daraus lernen, ihre Zeit früher auf das Wesentliche zu konzentrieren — und so vielleicht ein erfüllteres Leben führen.