Was die aktuellen Studien zeigen
Studien der Harvard Medical School und ein internationales Projekt unter Leitung von Séverine Sabia von der Université de Paris und dem University College London gehen dem Thema genauer nach. Besonders aufschlussreich ist das Whitehall II Projekt, das seit Mitte der 1980er Jahre die Gesundheit britischer Beamter beobachtet. In dieser Langzeitstudie wurden mehr als 7.900 Teilnehmer über 25 Jahre hinweg begleitet.
Ein auffälliges Ergebnis: Personen, die in der Lebensmitte weniger als sechs Stunden schlafen, haben ein um 22 % erhöhtes Risiko, im Alter an Demenz zu erkranken. Hält dieser Schlafmangel bis ins Alter von 60 Jahren an, steigt das Risiko auf 37 %.
Wichtig ist auch: Chronischer Schlafmangel wird nicht nur als frühes Anzeichen für Demenz gesehen. Die Forschung legt nahe, dass er ein eigenständiger Risikofaktor ist, unabhängig von anderen Erkrankungen wie psychischen oder kardiovaskulären Leiden. Die Autorinnen und Autoren von Sabias Studie betonen, dass sich Schlafveränderungen, die schließlich zu Demenz führen, über Jahrzehnte entwickeln können. Deshalb sind genaue Messungen der Schlafdauer in den mittleren Lebensjahren besonders relevant.
Wie das glymphatische System das Gehirn reinigt
Ein weiterer zentraler Punkt kommt von Nicholas Fabiano von der Universität Ottawa: das sogenannte glymphatische System. Dieses „Reinigungsnetz“ des Gehirns (das Wasser- und Abfallsystem des Gehirns) wird im Schlaf aktiv und hilft, schädliche Abfallstoffe wie die beta-Amyloid-Proteine zu entfernen. Wenn Schlaf fehlt, funktionieren diese Reinigungsprozesse schlechter — das kann neurodegenerativen Erkrankungen Vorschub leisten.
Ergänzend zeigen Forschungen der Columbia University, der University of Toronto und der Rush University in Chicago, veröffentlicht in Science Advances, dass chronischer Schlafverlust das Altern von gehirn-immunologischen Zellen beschleunigt. Das kann zu gravierenden kognitiven Problemen führen.
Tipps, um Schlaf als Präventionsfaktor zu nutzen
Vor diesem Hintergrund raten Expertinnen und Experten wie Dr. Stella Maris Valiensi, Leiterin der Sektion Schlafmedizin am Hospital Italiano de Buenos Aires, zu praktischen Maßnahmen zur Schlafverbesserung. Sie empfiehlt regelmäßige Schlafzeiten, eine angenehme Schlafumgebung und den Verzicht auf Koffein nach 17:00 Uhr. Schweres Essen vor dem Zubettgehen sollte vermieden werden. Körperliche Aktivität (vorzugsweise morgens) und weniger Bildschirmzeit am Abend helfen ebenfalls.
Die derzeitige Forschung zeigt klar: Schlaf ist ein veränderbarer Risikofaktor, der in Präventionsstrategien gegen Demenz stärker berücksichtigt werden sollte. Bessere Schlafhygiene könnte langfristig das Demenzrisiko in der Bevölkerung deutlich senken.
In einer Welt, die viel auf Effizienz und Produktivität setzt, darf guter Schlaf nicht unterschätzt werden. Wissenschaftliche Befunde legen nahe, dass Schlaf nicht nur für den Alltag wichtig ist, sondern auch für die langfristige Gesundheit des Gehirns. Angesichts der älter werdenden Bevölkerung und der Zunahme von Demenzerkrankungen kann das Bewusstsein für diese Erkenntnisse einen echten Unterschied machen.